Essay: Mythos Verzicht: So funktioniert Klimaschutz nicht

Falsche Verzichtsdebatte.
Foto: Getty Images, Imago (2)Es sind Stichworte wie „Degrowth“, „Postwachstum“, „post-promethische Technologie“ oder „Longtermism“: Sie alle sprechen Konzepte an, die darauf abzielen, mit weniger Wirtschaftswachstum und weniger klassischer Industrie die Welt vor dem Klimawandel zu retten. Manchmal treten noch weitere Schlagworte wie „freie Planwirtschaft“ hinzu, oder es wird gar das Metaverse als Zufluchtsort empfohlen, wie in einer Ausgabe des „Philosophie Magazins“ vom 9. März unter der Überschrift „Welche Vision kann uns retten?“.
Es gibt dazu einen prägnanten Kommentar unter der Schlagzeile „Degrowth can work“ in „Nature“ vom 15. Dezember 2022 von Jason Hickel und sieben weiteren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen von Ökonomie und Ökologie über Anthropologie bis zur Soziologie. Er fordert das Streichen von schädlichen Subventionen, die Besteuerung von klimaschädlichen Aktivitäten und die Förderung klimafreundlicher Konzepte. Als Vorbilder für Länder mit wenig Wachstum werden Japan und Kuba genannt.
Insgesamt ist die Richtung klar: am unteren Ende der sozialen Leiter absichern und nach oben hin dann zunehmend viel „Luxus“ wegnehmen. Als unhinterfragte Voraussetzung gilt bei diesen Ideen, dass die Weltwirtschaft rund um die „Idee“, aufgebaut sei, dass Firmen und Länder ihre Produktion jedes Jahr steigern müssten, „egal, was gebraucht wird“. Wachstum gilt hier als Ideologie. Stattdessen wird empfohlen, Wohlstand neu zu definieren und Steigerungen der Produktivität durch eine Verkürzung der Arbeitszeit auszugleichen.
Hiermit ist eine entscheidende Frage angeschnitten: Sind Wachstum und Klimaschädlichkeit untrennbar verknüpft? Auf lange Sicht gibt es den Zusammenhang sicherlich: Seit gut 200 Jahren nutzt die Menschheit extensiv fossile Brennstoffe, und ziemlich genau seitdem sind die Wachstumsraten deutlich gestiegen. Auch auf kurze Sicht gilt bis heute: Droht eine Rezession, sinkt der Ölpreis, weil weniger Verbrauch erwartet wird; gibt es eine Erholung, steigt er wieder.
Aber gilt das auch für die Zukunft? Schließlich ist bei erneuerbaren Energien der Zusammenhang von Verbrauch und Klimaschaden nicht mehr gegeben, außerdem fördert der Umbau der Wirtschaft auf Klimafreundlichkeit eine Menge Investitionen, die auch ins Wachstum eingerechnet werden. Tatsächlich hatte der Energieverbrauch pro Kopf in Deutschland und anderen entwickelten Ländern in den 80er- und 90er-Jahren seinen Höhepunkt erreicht und ist seither vom Trend her gesunken. Aber ist damit gleich gerechtfertigt, „Gesundwachsen statt Gesundschrumpfen“ auszurufen, wie eine Überschrift der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“) vom 26. März lautete?
Warum Nicht-Wachstum ein unsinniger Umweg ist
Was man nicht weiß, sollte man nicht voraussetzen. Der in den USA lebende Ökonom Rudi Bachmann schlug als Reaktion auf den „FAS“-Text in seinem Lieblingsmedium Twitter vor, diese Frage einfach offenzulassen: „Es ist klar, dass wir die Bedingungen des Wirtschaftens ändern wollen hin zu Netto-null-CO2-Emissionen. Ob das dann noch Wachstum erlaubt, kann jetzt keiner seriös beantworten.“ Er glaubt eher, dass es geht, setzt aber hinzu: „Und wenn nicht, dann ist es halt so.“ Diese Idee hat zum Beispiel auch Jeroen van den Bergh schon in einem Artikel vom 15. März 2011 in „Ecological Economics“ vertreten und mit „A-Growth“ bezeichnet.
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Dieser Ausgangspunkt ermöglicht eine vernünftige Strategie. Warum sollte man versuchen, Wachstum zu bremsen, um das Klima zu schützen, statt direkt den Klimaschutz anzustreben? Das ist schon ökonomisch fragwürdig: Warum sollte man, statt eine Variable direkt anzusteuern, eine Stellvertretervariable ins Visier nehmen, deren Korrelation zur Zielvariablen umstritten ist?
Politisch ist dieser Umweg noch unsinniger. Natürlich gilt es, die Bürger über die Folgen von Politik aufzuklären, und konsequenter Klimaschutz wird auch Schmerzen bereiten. Aber wie sinnvoll ist es, als Ziel auszugeben „Wir wollen euch alle ärmer machen, weil das dem Klima nützt“? Da ist es schon einleuchtender, direkt den Kampf gegen eine Entwicklung anzukündigen, die inzwischen in ernst zu nehmenden Diskussionen nicht mehr geleugnet wird.
Bei der Diskussion um Degrowth geht es auch um Lebensstile und Freiheitsbegriffe. Die einen haben die Vision eines bescheidenen Lebens mit wenig Arbeit, wenig Konsum und zum Beispiel auch viel gemeinsamer Nutzung von Gebrauchsgütern. Die anderen wollen Genuss, und das möglichst ohne Einschränkung.
Beide können sich auf den griechischen Philosophen Epikur berufen: Der predigte das Lustprinzip, aber zugleich auch ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben, das menschlichen Beziehungen gewidmet ist. Die einen sehen Freiheit und Verantwortung im engen Zusammenhang bis hin zu der problematischen, aus dem deutschen Idealismus stammenden These, Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit. Die anderen sehen Freiheit als Freiheit und wehren sich gegen Einschränkungen.
Wofür es globale Klimabewegungen braucht.
Foto: APPersönlicher Verzicht kann sicher den Kampf gegen den Klimawandel sehr unterstützen. „Grüne“ Politik verlangen und anschließend in Urlaub nach Fernost fliegen ist dagegen nicht überzeugend. Und Verzicht allein ist noch keine Politik. Setzt Politik dennoch allein darauf, dient das zumindest zum Teil auch der Ablenkung vom Ziel. Wir wissen ja längst, was zu tun wäre: mehr erneuerbare Energie, Wärmedämmung, Wärmepumpen, Abwärmenutzung, Elektroantrieb, intelligente Stromnetze, öffentlicher Nahverkehr und Fahrradspuren, dafür weniger fliegen, Energie durch Verbrennung und weniger Verschwendung, um nur ein paar Stichpunkte zu nennen.
Dass die Umsetzung dessen so schwer ist, liegt an der Anreizstruktur: Die Kosten fallen lokal an, der Nutzen verteilt sich global. Deswegen sind globale Klimabewegungen wie „Fridays for Future“ so wichtig, wenn auch bisher zu schwach, um dieses Strukturproblem aushebeln zu können.
Was besser wirkt als persönlicher Verzicht
Allein auf persönlichen Verzicht zu setzen ist aber nur eine Möglichkeit, sich selbst von einer geradlinigen Politik abzuhalten. Die Vermischung der Klimafrage mit anderen politischen Zielen, gerade bei Aktivisten beliebt, gehört auch dazu. Wir können natürlich erst den Kapitalismus abschaffen und dann schauen, wie es weitergeht. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Idee verständlich, vor allem bei jungen Leuten, die nur dieses System kennen und die Erfahrung machen, dass es sich zu wenig in die richtige Richtung bewegt. Aber mit Sicherheit bringt dieser Umweg politisch nur noch mehr Widerstand und führt ökonomisch ins Desaster.
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Wir können auch die Klimafrage als globale Gerechtigkeitsfrage formulieren. Aber bringt uns das der Lösung näher? Wobei auf der anderen Seite wahrscheinlich noch unterschätzt wird, welche Flüchtlingsströme die Welterhitzung auslösen wird.
Problematisch ist aber auch, das Thema ESG – als Abkürzung für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung – zu hoch zu hängen. Wie viel ökologische Geldanlagen tatsächlich bringen und wie viel die Vermeidung der Investition in „braune“, also klimaschädliche Unternehmen verhindert, ist schwer zu messen. Der Verdacht liegt nahe, dass hier mehr gemütlicher Gesinnungsethik gefrönt wird. Dann kann man sich mit dem Gedanken beruhigen: „An mir liegt es nicht, wenn die Welt zugrunde geht.“
Das ist eine Ausweichstrategie, die nicht einmal Verzicht verlangt und vielleicht gerade deswegen so beliebt ist. Ganz klar auch: Geldpolitik „begrünen“ sollte man nur, wenn es einen messbaren Effekt hat. Wer danach nicht einmal fragt, gehört auch eher in die gemütliche Ecke.
Ausweichstrategien und ideologische Frontbildung gibt es natürlich auch bei der schwierigen Frage, wie Klimapolitik umzusetzen sei. Auf der rein technischen Seite passiert das schon, wenn Technologieunkenntnis als „Technologieoffenheit“ verschleiert wird. So kann man zum Beispiel schon einem Schulkind erklären, dass beim Verbrennen Hitze entsteht und in einem Verbrennungsmotor nicht genutzt, sondern als Energie verschwendet wird. Schon vor diesem Hintergrund ist die Diskussion um E-Fuels grotesk, von der energetisch aufwendigen Herstellung dieser Treibstoffe ganz zu schweigen.
Das Problem mit vermeintlichen Zukunftstechnologien.
Foto: dpaNicht klug wäre es auch, sich auf eine „Zukunftstechnik“ wie die Kernfusion zu verlassen. Im Jahr 1942 baute Enrico Fermi wenige Jahre nach der Entdeckung der Kernspaltung in Chicago den ersten Versuchsreaktor. Die Fusion ist als Prinzip sogar schon länger bekannt als die Spaltung und wurde bereits 1952 in einer Bombe verwendet – aber einen Versuchsreaktor gibt es bis heute nicht; der wahrscheinliche Zeitpunkt der technischen Reife wird seit Jahrzehnten immer weiter verschoben mit einem relativ stabilen Prognosehorizont von etwa 25 Jahren.
Kernenergie ist dagegen bewährt, stößt aber gerade bei Klimaschützern meist auf Ablehnung, deren Bewegung auch im Widerstand gegen Atomkraft wurzelt. Tatsächlich wäre es wahrscheinlich besser gewesen, den Kohleausstieg vor dem Atomausstieg einzuleiten statt umgekehrt.
Auf der anderen Seite: Wer für Kernkraft plädiert, sollte auch die außerordentlichen Risiken nicht verschweigen. Zwar lässt sich Risiko als Schaden mal Wahrscheinlichkeit des Eintritts definieren und fällt somit bei geringer Wahrscheinlichkeit rechnerisch moderat aus. Aber jeder Versicherungsexperte weiß: Riesige Schäden mit kleiner Wahrscheinlichkeit sind nicht mit kleinen, aber häufigen Schäden zu vergleichen. Hinzu kommen bei Neubauten hohe Kosten und lange Bauzeiten, wie sich zuletzt in Finnland gezeigt hat: Dort ging 2021 ein Reaktor 13 Jahre später und dreimal teurer als geplant ans Netz.
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Allein über die Preise zu gehen, wäre beim Klimaschutz zu teuer.
Foto: IMAGO/photothekNoch wichtiger ist die ökonomische Dimension. Der marktwirtschaftliche Ansatz ist in einer Marktwirtschaft zunächst einmal vielversprechend, also die Bepreisung des CO2-Ausstoßes. Sie lädt aber auch zu Ausweichmanövern ein. Etwa wenn gleich europa- oder gar weltweite Lösungen gefordert werden, die natürlich auf einen Schlag nicht zustande kommen. Oder wenn massive Einsparungen in einzelnen Bereichen kleingeredet werden mit dem Hinweis, damit würden ja nur CO2-Kontingente frei und dann an anderer Stelle gebraucht. Diesem zweiten Problem ließe sich vielleicht begegnen, indem auch Rückkäufe von Zertifikaten zur Stabilisierung der Preise ermöglicht werden.
Das Grundproblem hat die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer vor Kurzem benannt: Allein über die Preise zu gehen wäre zunächst zu teuer, um politisch umsetzbar zu sein. Daher wird es wohl keine Klimapolitik nach der reinen Lehre geben, sondern zumindest für eine Übergangsphase zusätzlich auch Ver- und Gebote sowie Subventionen.
Die Kunst wird immer sein, dass sich beides nicht gegenseitig behindert. Die Problematik erinnert an den Spruch des chinesischen Politikers Deng Xiaoping zu Kapitalismus und Sozialismus: „Es spielt keine Rolle, ob eine Katze schwarz oder weiß ist; wenn sie eine Maus fängt, ist sie eine gute Katze.“ Das Problem ist, dass sich die beiden Katzen nicht ins Gehege kommen sollten.